Tschernobyl löste in Europa sofortige negative politische Reaktionen aus

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En bref

Der Unfall von Tschernobyl hatte erhebliche negative Auswirkungen auf die Akzeptanz der Kernenergie in Europa.

En détail

In Deutschland (30 % Strom aus Kernkraft im Jahr 1986) spricht sich die SPD für einen Atomausstieg innerhalb von 10 Jahren aus. Sie wird diese Politik ab 1998 in einer Koalition mit den Grünen umsetzen. [1]

Der italienische Energieversorger ENEL streicht ein Programm zum Bau neuer Kernkraftwerkskapazitäten von 8.000 MW sowie seine Beteiligung an einem Dreiländer-Projekt für einen Schnellen Neutronenreaktor.

In der Schweiz wurde das Reaktorprojekt in Kaiseraugst nach Protesten verschoben (und 1988 offiziell aufgegeben). 1990 stimmte die Bevölkerung einem zehnjährigen Moratorium für den Bau neuer Kernkraftwerke zu (das im April 2026 noch immer in Kraft ist). [3]

In Finnland zieht der Energieversorger TVO seinen Antrag auf den Bau eines fünften Kernreaktors zurück.

In Schweden, wo die 12 Reaktoren gemäß einem 1980 verabschiedeten Gesetz bis 2010 stillgelegt werden müssen, beschließt das Parlament, den Stilllegungstermin für die ersten beiden Reaktoren von 2010 auf 1995–96 vorzuverlegen (sie werden schließlich 1999 und 2005 stillgelegt). [4]

Das Kohlekraftwerk in Neurath, Deutschland. INA FASSBENDER/AFP

Die Reaktionen im Ostblock sind gemischter. Polen verschiebt jedoch (1986) und streicht schließlich (1990) das Ziel einer Kernkraftwerkskapazität von 5.000 MW bis zum Jahr 2000, was zum Teil auf den starken Widerstand rund um den Standort Zarnowiec zurückzuführen ist, wo die 2 ersten Blöcke im Bau sind. [5]

Derweil fördert die UdSSR weiterhin die Kernenergie, aber die Projekte stagnieren. Ende 1986 meldet sie der IAEO 50 in Betrieb befindliche Reaktoren und 32 im Bau befindliche. Ende 1992 verzeichnete die IAEO in den ehemaligen Ostblockstaaten (Russland, Ukraine, Litauen) 43 in Betrieb befindliche und 25 im Bau befindliche Reaktoren [6]. Heute beträgt die Kernkraftkapazität in Russland und der Ukraine insgesamt 42 GW (53 Reaktoren), verglichen mit den Prognosen von 200 GW bis zum Jahr 2000 vor dem Unfall.

In den USA, die nicht vom radioaktiven Niederschlag aus Tschernobyl betroffen waren, haben andere Faktoren den Ausbau der Kernenergie verhindert, insbesondere der Unfall von Three Mile Island im Jahr 1979 (Kernschmelze, jedoch keine langfristigen gesundheitlichen oder ökologischen Auswirkungen). Seit 1986 wurden nur drei neue Kernkraftwerksblöcke an das US-Stromnetz angeschlossen.

Im internationalen kollektiven Bewusstsein bleibt Tschernobyl der Maßstab für einen schweren Unfall.